POESIE: Die Frau gegenüber mir

Gegenüber von mir stand eine Frau.
Sie wirkte ein wenig nervös.
Ihre Hände waren ineinander verschränkt.
Genau wie meine. 

Ein paar Mal sah sie mich unverblümt an,
wandte sich aber schnell wieder von mir ab.
Sie wollte mich nicht beobachten,
dennoch, sie konnte es nicht lassen.
Sie wusste doch wie unangenehm mir so etwas war.

Die Frau gegenüber von mir starrte mein Kopftuch an.
Meinen dunklen Schal aus Seide,
den ich mir um den Kopf geworfen hatte.
Ich dachte sie würde sich auf mich konzentrieren.
Als würde sie etwas AN MIR stören,
doch blieb es das schlichte Tuch.
Es lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich.
1
Ich fühlte mich so wohl, wenn ich es trug.
Aber kaum setzte ich einen Fuß aus dem Haus, 
lauerten mir Menschen mit dem ein und demselben Gesichtsausdruck auf.

Verständnislosigkeit.

Es war ihnen fremd, das wusste ich.
Aber dass es so ein Dorn in ihren Augen war, verstand ich nicht.
Die Realität machte mir zu schaffen, 
sie verlangte, dass ich mich immer mehr anpasste.

Keiner wollte versuchen, mich zu verstehen.
Dieser weiche Stoff gehörte zu mir.
Zu diesem Teil, den ich unterdrückte.
Zu diesem Teil, dem ich die frische Luft entzog. 

Ich verstellte mich nicht, bloß weil ich es trug.
Ich wurde auch zu keinem besseren oder gläubigeren  Menschen.
Nichts von all dem entsprach MEINER Wahrheit.
Ich trug es weder zum Schein noch als Lüge.

Fremde sahen mich so verständnislos an.
Und die Frau mir gegenüber sprach noch immer nicht.
Ihr lag etwas auf der Zunge, aber sie traute sich nicht etwas zu sagen.
Warum konnte sie mich nicht einfach fragen? 
Ich hasste es mich zu rechtfertigen, aber noch weniger ertrug ich diese ausdruckslosen Blicke.

Die Frau mir gegenüber hatte schulterlanges, dunkles Haar.
Genau wie ich.
Sie trug eine Jeans und einen Pullover.
Dasselbe trug ich auch.
Mein Gesicht war auch ihr Gesicht
und ihr Körper formte meinen.
Uns unterschied nur ein kleines Detail,
welches uns voneinander entfernte,
aber uns nie wirklich trennte.

Denn diese Frau gegenüber von mir, 
sie war noch immer ich.
Auch wenn ich diesen Teil in mir hervorbrachte, den sie mit Absicht mied.


Simrn Arora 


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@arorasimrn

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One Comment

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  1. Omg ich liebe es!
    Das Ende war wirklich unerwartet und ein sehr interessanter Abschluss.

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